Hier gibt es die Möglichkeit, einen Blick ins Buch „Die Geprägten: Der Kampf des Willens“ zu werfen. Schaut doch mal beim Gewinnspiel vorbei.

Prolog

Ich sitze ganz ruhig da. Vor Müdigkeit und Erschöpfung tut mir jeder Muskel im Körper weh. Es blieb mir nichts anderes übrig, als den Körper zu verlassen. Es war zwar nicht meiner, doch ich hatte ihn zu meinem gemacht. Wahrscheinlich sogar etwas zu viel, denn ansonsten wäre nicht aufgefallen, dass er sich zu sehr verändert hatte. Ich sehe noch immer vor meinem geistigen Auge, wie sich alle von mir abgewandt haben. Meine Zeit war vorbei. Ich konnte diesem Jungen nicht noch weitere Zeit seines Lebens stehlen. Es war jetzt schon zu auffällig. Sie haben ihn in eine Anstalt geschickt, dachten er wäre verrückt gewesen. Wenn ich in seinem Körper bin, kann er sich an nichts mehr erinnern. Sein Verstand pausiert für einen Moment. Es tat mir weh, ihn so hilflos zu sehen, doch ich kann nicht anders. Wenn ich weiter überleben will, muss ich mir einen Körper suchen. Ich habe mir mein Schicksal und meine Prägung nicht ausgesucht.

Schnell war klar, dass ich die Stadt verlassen musste. Doch allzu weit weg durfte der neue Zielort auch nicht sein. Dorwich schien dafür perfekt zu sein. Eine kleine Stadt, die so groß war, dass niemand mehr Dorf sagte. Es gab dort alles, was man an Infrastruktur zum Leben braucht. Eine Schule, schöne Wälder und genügend Einkaufsmöglichkeiten. Es war dort nicht sehr hügelig, sodass eine Bewegung mit dem Fahrrad möglich war. Ich mochte das Fahrradfahren. Ein großer Nachteil an Dorwich war allerdings, dass sich jeder hier zu kennen schien. Ich muss meinen neuen Körper also gründlich beobachten, um in ihm nicht aufzufallen.

Jeden Tag geht er in das Jugendheim, um Jugendlichen durch ihre Pubertät zu helfen. Er verlangt dafür nicht einmal viel Geld. Das bedeutet also für mich, dass ich sparsam sein muss. Vielleicht kann ich auch irgendwie meinen Vorteil aus der Sache ziehen. Dieses Mal muss ich mit aller Kraft dafür sorgen, dass ich mich gut in die Gesellschaft einbinde.

Der neue Körper würde angenehmer sein, als der alte. Er hatte eine mittlere Größe, blonde Haare und sah mir etwas ähnlich. Auch wenn er mehr Bauch hatte und das Gesicht etwas runder war als meins. Der Vorteil an so einer Ähnlichkeit ist, dass ich langsam immer mehr vom Körper übernehmen kann. Die körperliche Verwandlung, wenn sein Körper mir immer ähnlicher wird, würde nicht so groß sein.

Ich kannte all seine Rituale. Ich wusste, er würde gleich, nachdem der letzte Jugendliche gegangen war, einen Spaziergang um den Block machen und danach mit dem Aufräumen und Fegen anfangen. Er hatte jeden Tag den gleichen Rhythmus, den ich mir angewöhnen musste. Kurze Zeit darauf, kam er aus dem Jugendzentrum. Ich stehe unter ächzen auf. Mein Körper war schwach und in der abendlichen Sonne ließ mir der Schweiß von der Stirn.
„Entschuldigung?“, rief ich ihm mit meiner letzten Kraft zu und stützte mich auf meine Knie. Zu meiner Freude, drehte er sich nach dem ersten Mal rufen um.
„Ja? Ohje, geht es dir gut?“, fragte er fürsorglich. Nichts anderes hatte ich erwartet. 
Er sah, dass wir in einem Alter waren. Wir hätten sicherlich Freunde werden können unter anderen Umständen.
„Ich muss mich nur kurz hinsetzen.“, stöhnte ich.
„Ich helfe dir.“, sagte er und stütze mich am Arm. Das war genau der Moment auf den ich gewartet hatte.
„Es tut mir Leid, aber es geht nicht anders.“, sagte ich, bevor ich mit dem Ritual begann.
„Wieso entschuldigst du dich?“, fragte er mit aufgerissenen Augen. Ich schloss die Augen und rief mir den Spruch in den Sinn. Ich wiederholte ihn immer und immer wieder. Die Stelle, an der er mich berührte wurde immer kälter. Mein entkräfteter Körper verschmolz mit seinem. Ich blickte ihm fest in die Augen. Das letzte was ich sah, bevor wir miteinander verschmolzen, war die Angst in seinen Augen, Kurze Zeit später entstand ein dunkler Schatten zwischen uns, der sich immer weiter ausbreitete. Dann war es geschehen. Ich sah die Welt durch seine Augen. Mein Leben war gerettet.

Zurück nach Dorwich

Lia und ihre beste Freundin Leslie sahen sich lange in die Augen, nur um sich danach schluchzend in die Arme zu fallen. „Bist du sicher, dass du nicht mit mir umziehen möchtest?“, fragte Leslie zum letzten Mal bettelnd. Doch Lia blieb standhaft. „Leslie…“, sagte sie seufzend. „Das hatten wir doch schon.“
„Ich weiß, ich weiß“, erwiderte Leslie lächelnd. „Ich werde dich nur so vermissen.“
„Wir bleiben in Kontakt und besuchen uns so oft es geht“, versprach Lia.

Leslie grinste sie ein letztes Mal breit an, ehe Lia in ihr kleines, altes, nicht mehr ganz so rotes Auto stieg. Sie hatte es vor ein paar Jahren von einer alten Dame günstig abgekauft und seit dem war es ihr treuer Begleiter. An einigen Stellen bröselte der Lack ab und Rost war zu erkennen, doch es war Lias ganzer Stolz. Sie hatte lange für dieses Auto gearbeitet und liebte jede Eigenart an ihm. Lia blickt aus dem Fenster, um zunächst mit einem Winken und dann mit einem Hupen sich von ihrer Freundin zu verabschieden. Sie wird schon zurecht kommen, redete sie sich ein. Schließlich ist es ganz normal, dass sich nach der Highschool manche Wege trennen.

Die Einen reisen für eine Zeit in ein fernes Land, um die Welt zu sehen und sich selber zu erfahren, Andere wissen noch nicht was sie später mal beruflich machen wollen und machen ein Jahr lang irgendetwas Soziales. Hauptsache nicht tatenlos rumsitzen. Leslie zieht nach Vaughning, um zu studieren und Lia fährt zurück zu ihrer Familie nach Dorwich. Jeder hatte seine Vorstellungen. Sie wusste noch nicht, was sie später einmal arbeiten wollte und hoffte, es durch einen Aufenthalt bei ihren Eltern herauszufinden. Früh zog Lia bei ihnen aus und mit Leslie zusammen, um den Abschluss auf der Greenbaker Highschool zu machen. Die Greenbaker lag nur eine Stunde Autofahrt entfernt, doch ihr kam die Distanz unendlich weit vor. Die Erinnerung daran, wieder in dem alten Haus bei ihrer Familie zu wohnen, machte ihr ein mulmiges Gefühl im Bauch.

Als Lia das Ortseingangsschild von Dorwich erreichte, vergrößerte es sich sogar noch. Die Schrift auf dem Schild war vom Wetter genauso mitgenommen, wie der Lack ihres Autos. Sie schien sich in die Umgebung perfekt einzupassen. Lia spürte die Vertrautheit der Umgebung, und doch schien alles fremd und neu zu sein. Unwillkürlich sprudelten Erinnerungen in ihr hoch, als sie eine lange Allee entlangfuhr. An der Ecke stand ein alter Stromkasten, auf dem sie oft mit einigen Freunden gesessen hatte. Von dort aus hatte man den besten Überblick über das Geschehen. Denn jeder, der in Dorwich hinein oder herausfahren wollte, musste an ihnen vorbei. Einmal hatte Theo Zigaretten mitgebracht. Er hatte sie ganz stolz seinem größeren Bruder geklaut, als der beim Duschen war. Er wusste, dass er später dafür Ärger bekommen würde, aber der Nervenkitzel war zu groß gewesen. Er präsentierte die fast leere Schachtel in der Runde, woraufhin alle anfingen, sich nervös umzusehen. Denn schließlich waren sie noch zu jung zum Rauchen und die Nachbarn alle sehr aufmerksam. Nach ein paar hitzigen Diskussionen wie man nun eine Zigarette anzündet, endete die Geschichte damit, dass Rick sich eine Brandblase zuzog und die Zigarette völlig zerknickt war. Er hatte furchtbare Schmerzen und sie beichteten die ganze Geschichte Theos Eltern.

Lia lächelte über ihre kindische Naivität. Was ihre damaligen besten Freunde wohl inzwischen so machen? Seit über drei Jahren hatte sie keinen von ihnen mehr gesehen oder gesprochen. Ihr damaliger Freundeskreis bestand aus Theo, Rick und Mirijam. Mirijam war ihre beste Freundin, bevor sie Leslie kennen lernte. Jeden Mittwoch nach der Schule sind sie zu ihr gegangen und haben die Kleider ihrer Mutter anprobiert. Lia und Mirijam wollten so früh wie möglich üben, erwachsen zu sein. Sie haben sich all ihre Geheimnisse anvertraut.

Zum Beispiel, dass Mirijam seit längerer Zeit unglaublich in Rick verliebt war. Lia erinnere sich, als sei es erst ein paar Minuten her. Sie wollte bei Mirijam übernachten und eine richtige Pyjamaparty machen, wie im Film. Eigentlich waren sie dafür schon zu alt, doch sie hatten in den Schule eine Liste aufstellen müssen, was sie in ihrem Leben alles noch vor hatten. So machten sie sich einen unglaublichen Spaß aus der Liste. Sie kauften Marshmallows, liehen sich Filme aus und ignorierten die Jungs, die sich über die Mädchen lustig machten.

Mirijam schwärmt von Ricks Muskeln. „Und hast du gesehen, wie er sich immer seine Tasche über die Schulter wirft? Als ob die Bücher darin nichts wiegen würden“, plapperte Mirijam kichernd vor sich hin. Doch der Abend kam anders, als geplant. Als Lia mit ihrer vollgestopften, dunkelblauen Tasche mit bunten Sternen vor Mirijams Tür stand und die nur allzu bekannte Klingel drückte, öffnete ihre Mutter mit verheulten Augen die Tür.

„Amalia, du bist es“, schniefte sie ihr entgegen.
„Ist etwas passiert?“, fragte Lia mit weit aufgerissenen Augen.
„Nein, nein“, wurde ihr entgegnet, während sie versuchte eine tapfere Miene aufzusetzen. „Komm nur rein. Mirijam ist oben.“
Mit scheuem Lächeln und zum Boden gesenkten Kopf schlich Lia sich vorbei. Jedoch nicht, ohne sich vorher die Schuhe auszuziehen. Mirijam saß, wie nicht anders zu erwarten, an ihrem Schreibtisch und las eine Zeitschrift. Als sie Lia hörte, drehte sie sich um und strahlte.
„Da bist du ja!“, jubelte sie Lia entgegen. „Das wird eine hammer Party heute“, rief sie selbstsicher aus und tanzte auf Lia zu. Dabei schwang sie so sehr ihre Hüften, als wäre sie eine Bauchtänzerin und die Musik spielte nur für sie. Lia schloss die Tür, damit sie nur für sich waren. Das Aussehen ihrer Mutter beschäftige sie noch immer. Doch Mirijam hatte so gute Laune, dass sie ihr nichts davon erzählte. Mirijam merkte, dass ihre beste Freundin mit den Gedanken woanders war.
„Hey, mach’ dich mal locker!“, sagte sie und schaltete die Musik ein. Shakira drang ihnen aus dem Radio entgegen und Mirijam wiederholte ihre Tanzeinlage.

Nur langsam schwappte ihre Laune auf Lia über. Sie lies ihre Tasche und Jacke fallen und wollte sich gerade auf das Bett setzen lassen, doch Mirijam hielt sie auf.
„So nicht, meine Liebe. Erst einmal musst du jetzt auch gute Laune bekommen.“ Sie zog Lia an der Hand in ihr Ankleidezimmer. Mirijam hatte das Glück, dass sie zwei Zimmer besaß. Eins in dem sie schlief und arbeitete. Das andere teilte sie sich mit ihrer Mutter und diente als Ankleidezimmer. So nutzten sie oft die Zeit, wenn ihre Eltern nicht im Haus waren, um schicke Sachen ihrer Mutter anzuziehen.
„Wir werden uns jetzt richtig schick machen“, sagte sie trällernd, als ob sie etwas zu feiern hätten.
„Aber deine Mutter-“, fing Lia an, wurde jedoch mitten im Satz unterbrochen.
„Die wird heute nicht hochkommen. Ich habe mit ihr gesprochen“, erwiderte sie mit einem Zwinkern.

Lia musste lächeln. Mirijam kannte sie nur zu gut. Lias Eltern mochten es nicht gerne, wenn sie sich zu schick oder aufreizend anzog. Nicht, dass sie es sich nicht hätte erlauben können. Sie fanden nur, dass innere Werte wichtiger sind als, aufreizende Kleider. Und wenn man sich schon schicker anzog, dann mit Stil. Sie öffnete die große Schranktür und griff nach dem kürzesten und engsten schwarzen Kleid, dass sie finden konnte. Sie liebte schwarze Kleider. Zusammen mit ihren kurzen schwarzen Haaren wirkte sie elegant. Sie drehte sich zu Mirijam um und musterte ihr bodenlanges hautfarbenes Kleid. Wo hatte sie nur immer diese Kleider her? Es schien wie für sie gemacht zu sein. Es hatte einen tiefen Rückenausschnitt und schmiegte sich so sehr an ihre Haut, als hätte sie noch nie etwas anderen getragen. Sie stellten sich zusammen vor den großen Spiegel und versuchten möglichst verführerisch auszusehen. Mirijam fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und Lia bekam einen Lachanfall.
„Komm’, wir gehen uns noch schminken.“, rief sie ihr schon auf dem Sprung entgegen. Mirijam war meist diejenige von ihnen, die den Ton angab. Nie konnte sie ruhig sitzen.

Lia folgte ihr schon mit deutlich besserer Laune. Doch im Bad angekommen, änderte diese sich schlagartig. Mirijam stand wie versteinert in der Tür. Lia blickte an ihr vorbei. Im Badezimmer auf dem vergilbten Badewannenrand saß ihre Mutter. Die noch röteren Augen deuteten darauf hin, dass sie noch mehr geweint hatte.
„Mum, was ist passiert?“, fragte Mirijam und stürzte ins Bad. Sie kniete sich hin und nahm die Hände ihrer Mutter in die ihren.
„Mirijam, mein Liebling, dein Dad hat uns verlassen.“ Lia sah, wie in Mirijams Gesicht eine Welt zusammenbrach. Ganz langsam erlosch ihr Lächeln und wurde durch Tränen abgelöst.
„Aber…das kann nicht sein.“, schluchzte sie erschüttert. Lia sah die Angst, Trauer und gleichzeitig Verwirrung in ihren Augen. Als Antwort weinte ihre Mutter noch mehr. Lia fühlte sich fehl am Platz. Sie hatte hier nichts zu suchen. Gerade als sie mich umdrehen wollte um zu gehen, stand Mirijam plötzlich auf. Entschlossenheit zeichnete sich auf ihrem Gesicht.
„Nein! Ich hole ihn. Wir sind eine Familie!“, schrie sie und rannte an Lia vorbei, das lange Kleid hinterherflatternd.
„Mirijam..“, doch sie hörte Lia nicht.

Lia rannte hinter ihrer besten Freundin her.
„DAD!“, schrie sie in die Nacht hinein. „Wo bist du? Komm zurück!“ Es brach Lia das Herz, sie so zu sehen. Wie eine Schönheit stand sie alleine auf der dunklen Straße, lief diese entlang und rief ihn. Doch niemand in der Dunkelheit antwortete ihr. Sie war wütend und verletzt. Nach ein paar Minuten rufen sank sie auf dem Boden zusammen und weinte. Lia konnte sich nicht vorstellen, wie sie sich fühlen würde, wenn ihr Vater die Familie verlassen würde. Sie waren immer eine undurchdringliche Einheit gewesen. Lia ging zu ihr. Doch noch bevor sie bei ihr war, merkte sie wie jemand sie überholte. Es war Rick. Erstaunt drehte sie sich um und sah Theo wie versteinert ein paar Meter hinter ihr.

Rick nahm seine heißgeliebte Lederjacke und legte sie Mirijam über die Schulter. Er setzte sich zu ihr und nahm sie in den Arm. Lia wusste nicht wie lange sie dort so standen, doch nach einer Weile erhoben sich beide und gingen ins Haus.
„Was machen wir jetzt?“, fragte Lia Theo noch immer in dem knappen Kleid. Ihre Stimme hörte sich beschlagen an und sie erschreckte sich, als sie merkte wie laut sie war. Sie wollte gerne für Mirijam da sein, wusste jedoch auch nicht, was sie tun oder sagen konnte. So entschlossen sich Theo und sie, nach Hause zu gehen. Der Abend hatte alle mitgenommen.

Lia schauderte bei dem Gedanken an die Situation damals. Ab diesem Tag waren Mirijam und Rick ein Paar. Seit dem war sie ein anderer Mensch. Ihre Leichtigkeit schien mit ihrem Vater gegangen zu sein. Sie war weniger aufgedreht und saß oft minutenlang schweigend neben den Anderen und schien mit den Gedanken ganz woanders zu sein. Alle konnten sich nur ausmalen, wie sich Mirijams Leben nun verändert hatte.

Lia bog in die Lavender Road, in der ihre Familie wohnte, ein. Als ob es ein ganz normaler Tag sei und nicht der Tag, an dem sie wieder nach Hause zog. Sie parkte ihr Auto hinter dem großen Neuwagen ihres Vaters. Sie stieg aus und schlug die Tür mit einem lauten Scheppern zu. Lia nahm sich einen Moment, um das Haus von Außen auf sich wirken zu lassen. Die Hausnummer “Fünf“ prangte an der rechten Seite neben der Tür. Sie konnte die einzelnen Schichten schwarzer Farbe erkennen, mit der sie jährlich nachgemalt wurde. Von vorne saß es recht klein aus, doch das täuschte. In den Jahren hatten sie immer weiter nach hinten angebaut.
„Mit jedem Kind kommt ein Zimmer dazu oder was?“, lachte ihr Onkel Frank, immer wenn er sie besuchen kam. Umrandet war das Haus von Rasen, welcher wiederrum von großen Tannen eingefasst wurde. Es schien von den Nachbarn abgegrenzt zu sein.

Sie atmete den Geruch der Tannen tief ein und stieg die vier Stufen der halbrunden Treppe zu ihrem Haus empor. Das Familiennamensschild mit der Aufschrift Hier wohnen die Browns schien wie immer an der richtigen Stelle zu hängen. Sie hatte schon die Hand zur Klingel gehoben, als sie es sich anders überlegte. Denn ab dem heutigen Tag würde sie wieder hier wohnen. Lia kramte in ihrer schwarzen Handtasche, die leider viel zu groß war, nach dem Schlüssel. Dafür brauchte sie so lange, dass die Nachbarin gegenüber die Tür öffnete, um zu schauen, ob sie ein Einbrecher sei.

Lia drehte sich mit angewinkeltem Bein um. „Hallo Mrs. Garris“, grüßte sie die alte Dame.
„Ist das etwa die kleine Amalia Brown?“, fragte sie erstaunt.
„Ja, das ist sie“, entgegnete Lia merkwürdig berührt, ihren vollständigen Namen zu hören.
„Oh wie schön, dass du auch wieder da bist. Kommst du heute rüber zum Tee bevor du wieder gehst?“, fragte sie hoffnungsvoll. Mrs. Garris war die typische, nette, alte Dame von nebenan. Sie trug dunkle Halbschuhe mit einem Absatz der so klein war, dass er seiner Aufgabe kaum gerecht wurde. Dazu eine helle Hose, die mit Bügelfalte gerade herunter fiel und eine Bluse mit undefiniertem Muster. Darüber, nicht ganz passend, krönte eine Schürze die Gesamterscheinung. Ihr Haar wollte grau werden, doch eine goldene Färbung verbot es ihm. Ihre blauen Augen schienen immer zu funkeln und ihre Grübchen kamen vom Dauerhaften lächeln.

Als Lia noch kleiner war, ging sie oft zu ihr herüber zum Spielen. Sie war wie eine Oma für Lia, nachdem sie ihre leiblichen Großeltern leider nie kennengelernt hatte. Ihre Mutter Elisabeth und ihre Großmutter Sharon hatten kein gutes Verhältnis zueinander. Soweit Lia wusste, ging es bei deren Meinungsverschiedenheiten um das Benehmen in der Gesellschaft. Sharon wollte, dass ihre Tochter sich mehr in gemeinnützigen Gruppen engagierte oder in die Politik ging. Doch Lias Mutter war mit dem Leben als Hausfrau zufrieden.
„Ich bleibe sogar für länger“, rief Lia erfreut die Straße hinüber. „Ich komme einfach herüber wenn es passt.“ Mrs. Garris lächelte noch mehr und freute sich schon auf ihren Besuch. Lia freute sich zugegeben auch. Noch bevor sie die Tür öffnete, breitete sich ein Schwall Wärme in ihr aus. Sie war zu Hause.

Um das Schloss zu öffnen, steckt man zunächst den Schlüssel hinein, dreht nach links, steckt ihn etwas fester hinein und dreht nach rechts hin auf. Sie kannte die Eigenarten dieses Hauses so gut, als hätte sie noch nie etwas anderes gemacht wie diese zu studieren. Als kleines Kind war sie ganz begierig darauf, alles besondere an diesem Haus zu entdecken und löcherte ihre Eltern mit Fragen, ob ihnen etwas Ungewöhnliches einfiel. Sie war dann immer ganz enttäuscht, wenn sich eine Tür öffnete ohne zu quietschen oder der Efeu nicht am Geländer entlangrankte. Heute würde sie diese Eigenarten einfach als Produkt der Zeit beschreiben. Aber damals lebte Lia in ihrer eigenen Welt.

Als sie den Eingangsbereich betrat, fiel ein Strahl voll Sonnenlicht auf den ausgeblichenen Teppich. Sie schloss die Tür und bemerkte direkt die Wärme, die sie umgab. Der Eingangsbereich war ein quadratischer Raum. Rechts befand sich eine Garderobe und links führte eine breite massive Treppe aus dunklem Holz in die höheren Stockwerke. Es war gemütlich, ohne zu dunkel zu sein. An der Garderobe hingen viele Jacken in bunten Farben. Anhand der vielen Paar Schuhe war sie sich sicher, dass alle schon auf sie warteten. Es war ein schönes Gefühl zu wissen, dass sie nach all den Jahren noch immer einen Platz in der Familie hatte.

Sie stellte ihre Sachen an der Treppe ab und lief geradewegs durch den Eingangsbereich ins Wohnzimmer. Sie lehnte sich an den Türrahmen breiten weißen Türrahmen. Rechts um die Ecke befand sich die offene Küche. Die große Fensterfront mit angrenzendem Wintergarten durchleuchtete den Raum. Lia hörte Geräusche, die darauf hindeuteten, dass ihre Mutter wohl gerade Essen machen musste. Lia machte sie nicht auf sich aufmerksam, sondern genoss für einen Moment das Gefühl des Ankommens.

Sie hörte die Stimme ihrer Mutter: „Schatz, könntest du dich bitte ein bisschen beeilen mit dem Schneiden der Möhren?“ Sie klang gestresst. Immer wenn Lia vorbei kommt, macht sie einen riesen Aufwand. Wobei das wöchentliche Kochen mit der Familie zu Lias Freude anscheinend geblieben ist. Ihre Mutter liebte das Kochen. Damals hat sie Lia oft erzählt, wie fasziniert sie von den vielen verschiedenen Geschmäckern war. Sie experimentierte gerne mit einer Zutat herum und versuchte möglichst viele verschiedene Geschmacksrichtungen zu erreichen. So konnte Lia nun behaupten, dass sie jede Version an Möhren, Tofu und Reis kannte.

Als sie noch zu Hause wohnte, war es das Schlimmste für sie, ihrer Mutter beim kochen zu helfen. Sie hatte ständig besseres zu tun und war genervt von ihren Geschwistern. Schließlich ist es mit den Zwillingen nicht immer leicht. Josefine und Jonah waren jetzt 15 Jahre alt. Das Gröbste in der Pubertät müsste also geschafft sein. „Was machen die Möhren?“, hörte sie ihre Mutter erneut fragen.
„Entspann’ dich Schatz. Es wird noch dauern bis Lia hier ist.“ Das war die Stimme Vaters. Sie war sehr tief. Er sprach so beruhigend und sanft auf ihre Mutter ein, dass sie sich genau vorstellen konnte, wie sie erleichtert lächelte. Er war der Einzige, der dieses Talent in der Familie hatte.
„Warte, ich helfe dir, Jonah.“ Das war Josefine. Ihre Stimme war das komplette Gegenteil von der ihres Vaters. Sie war klar, frisch und aufgeweckt.

Langsam ging Lia ohne ein Wort um die Ecke und beobachtete die Szenerie. Sie war genauso wie sie sie sich vorgestellt hatte. Ihr Dad saß in seinem alten Sessel, hatte die Beine übereinander geschlagen, die Brille an der Nasenspitze und las ein Buch. Ihre schwarzen Haare hatte sie von ihm, wobei seine inzwischen sich für ein helles grau entschieden hatten. Den Pulli, den er trug, hatte er schon seit Jahren.
„Hauptsache bequem und funktioniert.“, war schon immer sein Motto. Als Handwerker machte er sich nicht viel aus hübscher Kleidung. Nur das passende Holz spielte für ihn eine Rolle. Er arbeitete neuerdings bei einem Uhrmacher.
„Du glaubst gar nicht wie abwechslungsreich die Arbeit ist, Lia“, sagte er eines Tages glücklich zu ihr am Telefon. „Es kommen lauter Kunden, die Sonderanfertigungen wollen. Meist aus speziellem Holz oder mit merkwürdigen Verzierungen.“ Lia freute sich, dass ihr Dad so sehr in der neuen Arbeit aufgehen konnte.

Sie und ihre Geschwister hatten allesamt rabenschwarze Haare. Die Mädchen hatten dabei viel Ähnlichkeit mit ihrer Mutter vom Gesicht her. Sie selbst hatte blonde schulterlange Haare und war unglaublich hübsch. Sie war mittelgroß, schlank und bewegte sich mit einer Anmut, die man deutlich auch bei Josefine erkennen konnte. Ihre Haut war klar, die Nase nicht zu schmal und die Lippen perfekt. Doch das wirklich beeindruckende waren ihre Augen. Sie hatten ein sehr helles blau. Manchmal wenn sie sich sehr aufgeregt hatte oder traurig war, bekam Lia den Eindruck, dass sich ihre Augen kräftiger blau färbten. Doch sie hatte es noch nie jemandem erzählt.

Jonah und Josefine saßen mit dem Rücken zu ihr am Tresen an der Küche und schnibbelten, was das Zeug hielt. Josefine trug heute ihr Haar lang und geflochten. Sie war schmal gebaut und schlank. Mit ihren blauen Augen und der hellen Haut sah sie atemberaubend aus. Jeder Junge würde sich glücklich schätzen, mit ihr zusammen zu sein, doch sie konzentrierte sich nur auf ihre Bücher. Josefine war sich ihrer Ausstrahlung und Wirkung auf Andere nicht bewusst.

Jonah versuchte bei allem was er tat möglichst lässig zu wirken. Nach außen wirkte er oft teilnahmslos und unscheinbar. Lia wusste, dass er in Wirklichkeit das komplette Gegenteil war. Er war ebenso, wie Josefine, sehr klug und nachdenklich. Er war sich durchaus über seine Ausstrahlung bewusst. Aus dem Grund lächelt er selten. Denn wenn er sein Grinsen mit den strahlend weißen Zähnen zeigt, zusammen mit den ebenfalls blauen Augen und dem modischem Kurzhaarschnitt, bekam er alles was er wollte. Keiner konnte seinem Charme widerstehen. Selbst ihre sonst strenge Mutter konnte ihrem Kleinen nichts abschlagen.

Ihre Mutter murmelte vor sich hin, während sie hastig in den Töpfen rührte. „Wo bleiben denn die verdammten-“, fing sie an mit zusammengezogenen Augenbrauen in Richtung der Zwillings zu sagen, als sie Lia bemerkte. Ein kurzer Aufschrei der überraschenden Freude entfuhr ihr und alle Köpfe zuckten hoch.
„Amalia“, keuchte ihre Mutter und kam eilig aus der Küche hervor. „Seit wann bist du denn schon da? Wie war die Fahrt? Bist du gut durchgekommen? Hast du Hunger?“, plapperte sie sofort drauf los während sie Lia umarmte. Mit einem Lachen antwortete sie: „Alles gut, Mum. Mir geht es gut.“ Woraufhin sie sie noch einmal umarmte.
„Du musst dringend was essen. Du siehst so dünn aus. Und die Fahrt war bestimmt auch anstrengend. Es gibt dein Lieblingsgericht“, fuhr sie fort, während sie sich wieder auf den Weg in die Küche machte. „Sie ist wirklich eine typische Mutter, die sich um alles immer kümmert.“ Schoss es Lia durch den Kopf.

„Sie sieht so dünn aus, weil sie komplett schwarz trägt“, erwiderte Josefine und fiel ihr um den Hals. „Endlich bist du da. Ich freue mich so“, strahlte sie Lia entgegen und sie bemerkte kleine Tränen in ihren Augen. Die Begrüßung mit ihrem Bruder fiel etwas anders aus. Er war der Einzige der nicht aufgesprungen war. Er hatte sich auf seinem Stuhl umgedreht und zugenickt. Sie schauten sich einige Sekunden an und zwinkerten sich zu, wobei beide grinsen mussten. Sie verstanden sich auch ohne viele Worte. An seinem Lächeln merkte sie, dass er sich wirklich freute sie zu sehen. Ihr Dad war der letzte in der Reihe und diesmal war sie diejenige, die ihm in die Arme sprang. Sofort fühlte sie sich in seinen Armen wieder wie ein kleines Mädchen, das bei ihm auf dem Schoß saß, während er ihr Geschichten vorlas.

Als sie alle im Wintergarten am großen Tisch saßen, fühlte sie sich schon fast, als wäre sie nie fort gewesen.
„Und Lia, jetzt erzähl doch mal endlich. Wie genau kommt es, dass du zu uns kommst? Und für wie lange?“, nutzte ihre Mutter den Moment, in dem alle den Mund voll hatten. „Ich weiß noch nicht, wie lange ich bleibe. So lange bis ich eine Idee habe, was ich später einmal beruflich machen könnte“, erklärte sie.
„Hast du denn noch gar keine Ahnung?“, fragte Josefine sie verdutzt. Lia zog die Schultern hoch. Josefine klappte der Mund auf. „Also ich möchte später mal Forscherin oder Wissenschaftlerin werden.“ Mum und Dad sahen Josefine stolz an und strahlten um die Wette.
„So?“, sagte Lia ungläubig. „Und welchen Bereich willst du erforschen?“
„Irgendwas mit Menschen und Technik. Eigentlich ist Technik da, um dem Menschen zu helfen, doch sie schränkt uns auch ein“, stieg sie direkt ins Thema ein.

„Das stimmt allerdings. Dabei kommt es aber auch immer auch den Bereich der Technik an und ihren Zweck-“, grübelte Dad direkt mit.
„Könnt ihr zwei das nicht am Besten morgen bei einer Tasse Tee besprechen oder so? Lia ist doch heute extra da“, unterbrach Mum die Diskussion.
„Es ist alles gut. Leute, ich möchte hier wieder ein bisschen zu mir finden. Und auch so schön ich es finde, wie ihr euch alle so um mich kümmert, bitte ich euch, verhaltet euch einfach ganz normal. Das macht mich am Glücklichsten“, beendete Lia hoffentlich nun die Überfürsorglichkeit ihrer Mutter.

Und das machte sie auch tatsächlich. Die restliche Zeit während des Essens redeten sie über die neuen Sträucher, die ihre Mutter im Garten gepflanzt hatte und über die unmögliche Frisur von Josefines bester Freundin. Es wurde gelacht und gescherzt, sodass sie noch lange in den Abend hinein dort saßen.

Nächtlicher Ausflug

Als Lia dann später zu Bett gehen wollte, läuft ihr ihre Mutter über den Weg.
„Hast du eigentlich mal wieder was von Mirijam, Rick und Theo gehört?“, fragte sie völlig aus dem Nichts. Lia drehte sich überrumpelt auf dem Treppenansatz um.
„Hm, nein. Weiß du etwas?“, fragte sie zurück.
„Mirijam und Rick sind weggezogen glaube ich. Wollen irgendetwas zusammen studieren mit Tieren glaube ich. Theo arbeitet im Jugendzentrum, wo Jonah auch manchmal hingeht. Doch aus dem bekommt man ja keine Informationen heraus. Vielleicht kannst du ja mal mit ihm reden?“, schlug ihre Mutter vor.
„Mal schauen. Gute Nacht“, entgegnete Lia und schenkte ihr ein letztes Lächeln. Sie schleppte ihre schwere Tasche die Stufen hoch. Ihr Zimmer war nach dem Elternschlafzimmer das Erste. Die Zimmer von den Zwillingen lagen weiter hinten am Gang sich gegenüber. Sie öffnete die Tür und wurde sogleich von den gewohnten Gerüchen und Geräuschen in Empfang genommen.

Lia schaltete das Licht an. Da war es. Ihr altes Zimmer. Alles in ihm spiegelte sie wieder, jedoch wie sie vor ein paar Jahren war. Es war so unglaublich vertraut und passend, dass es jedoch kaum noch zu ihr passte. Es war nicht sonderlich groß. Ein breites Bett, ein länglicher Schreibtisch und ein Kleiderschrank. Die Wände waren in hellem grau gestrichen und ein Brombeerfarbton zog sich in Vorhängen, Teppich und Bettwäsche durch den Raum. Sie wusste, dass sie aus dem Fenster in den alten Garten hätte blicken können, doch es war zu dunkel. Lia schloss die Vorhänge.

An den Wänden hangen Regalbretter mit leicht verstaubten Büchern sowie eine Kollage mit Fotos. Sie trat näher und freute sich als ihre Freunde ihr entgegen lachten. Ein Teil von ihr wünschte wieder genau in der Zeit zu sein, als dieses Bild entstand. An das Telefon zu gehen und Mirijam anzurufen. Doch der älter gewordene Teil war froh, es nicht zu sein. Ohne den Umzug hätte sie niemals Leslie kennen gelernt, sich nicht weiter entwickelt.

Sie lies sich auf ihr Bett fallen und starrte an die Decke. Seit dem ihre Mutter es angesprochen hatte, schwirrte ihr der eine Gedanke im Kopf. Was war aus den Anderen geworden? Sie dachte an Theo. In ihrer Erinnerung hatte er gut ausgesehen, machte sich jedoch auch nie etwas aus sich. Damals hatte Lia sowieso noch kein wirkliches Interesse an Jungs. Vielleicht hätte Theo eine andere Frisur oder Kleidung geholfen. Er war immer eher jemand gewesen, der auf der Suche nach Anerkennung gewesen war. Sein älterer Bruder stand meist sehr im Fokus. Soweit sie sich erinnerte, hatte sein Bruder auch mit Alkohol und Drogen ein Problem. Deswegen wurde Theo oft vernachlässigt. Vielleicht arbeitete er deshalb im Jugendzentrum. Vielleicht wollte er anderen helfen, damit es denen besser geht als ihm. Das würde zu Theo passen. Er war schon immer einfach nett.

Während sie darüber nachdachte, was sie morgen alles unternehmen könnte, hörte sie, wie ihre Eltern zu Bett gingen. Auf jeden Fall sollte sie zu Mrs. Garris gehen. Sie freute sich auf einen Plausch mit ihr. Womöglich ist es auch eine gute Idee, die alten, ihr so lieben Orte mal wieder aufzusuchen. Wie vielleicht die Schule, die Bibliothek oder einfach in den Park gehen. Sie freute sich auf ihre Tour morgen.

Lia drehte sich zur Seite und ihr Blick fiel auf den Nachttisch. Damals hatte sie in der oberen Schublade ihr Tagebuch aufbewahrt. Sie öffnete sie und fand das Tagebuch abgeschlossen dort wo sie es hinterlassen hatte. Fast hatte sie schon damit gerechnet, dass Josefine es geknackt hat vor lauter Neugier, doch sie lag falsch. Mühselig stand Lia auf und holte den Schlüssel aus seinem Versteck unter dem Bett. Dort war ein kleiner Nagel, an dem sie den Schlüssel an einem Band dranhängen konnte. Sie schloss das Tagebuch auf und ihr schossen die Tränen in die Augen als sie den letzten Beitrag aufschlug.

10.03.2011
Liebes Tagebuch,
ich werde langsam verrück in dieser Familie. Die Zwillinge sind den ganzen Tag nur am streiten. Ich weiß, ich wollte schon immer Geschwister haben, aber mussten es gleich zwei sein? Sie streiten wegen allem. Wer das größere Zimmer hat zum Beispiel. Beide Zimmer sind genau gleich groß, aber das glauben sie uns ja nicht. Und wenn ich helfen will, sagen sie immer, ich habe angefangen und dann bekomme ich Ärger. Das nervt echt unheimlich. Ich bin richtig froh, dass ich in ein paar Wochen hier ausziehe. Mama freut sich nicht so darauf. Immer wenn ich sie auf das Thema anspreche fängt sie an zu weinen. Ich glaube, sie hat Angst, dass die Familie auseinander reißt, oder sie mit den Zwillingen nicht alleine zurecht kommt. Aber irgendwann muss ich auch mal ausziehen. Hoffentlich finde ich an der neuen Schule auch schnell gute Freunde. Ich werde Mirijam vermissen. Und die anderen beiden auch. Heute haben sie gesagt, dass die eine Abschlussfeier für mich machen wollen. Oh Gott. Ich bin unglaublich gespannt ob das stimmt und was die machen. Es ist nicht mehr lange…, doch weiter kam sie nicht mit dem Lesen, denn Lia musste herzhaft gähnen. Den Rest würde sie sich später durchlesen.

Leise schlich sie über den Flur in das Badezimmer. Es war sehr leise im Haus. Ihre Eltern und ihre Geschwister schliefen sicherlich schon tief und fest. Sie freute sich, als es ihr gelang, ohne einen quietschenden Holzbalken an ihr Ziel zu gelangen. Sie kannte sich immer noch bestens aus. Sie schloss die Tür ohne ein Geräusch und sah sich im Spiegel an. Es war ein merkwürdiges Gefühl, in dem alten Haus und den vertrauten Wänden in sein eigenes Gesicht zu blicken. Schon zu oft hatte sie damals genauso dagestanden wie jetzt. Mit den Füßen tief im blauen Badvorleger versunken, mit den Händen am Waschbecken abgestützt und mit starrem Blick sich selber anstarrend. Lia wusste nicht, wie lange sie dort stand, als sie ein Knarzen hörte. Sie merkte wie sie noch leiser wurde. Sie spitzte die Ohren und hielt den Atem an. Jemand lief den Flur entlang Richtung Treppe.

Ihr Blick wanderte auf die Uhr. Es war fast Mitternacht. Wer konnte das sein? Sie bückte sich und lugte durch das Schlüsselloch. Lia zuckte zusammen als eine schwarze Gestalt vorbei huschte. Eilig sah sie sich im Badzimmer um. Falls es wirklich Einbrecher waren, musste sie doch etwas haben um sich verteidigen zu können. Sie entschied sich für einen Handspiegel.

Lia öffnete die Tür einen Spalt breit und streckte vorsichtig den Kopf hinaus. Die Person in schwarz befand sich gerade auf der Treppe und versuchte, diese so leise wie möglich herunterzugehen. Sie verlies das Badezimmer mit bedacht, sobald sie das Licht ausgeschaltet hatte. Langsam schlich Lia hinterher. Angespannt auf einen Moment wartend, in dem sie den Einbrecher überrumpeln konnte. Gerade als die Person an einem Fenster vorbei ging, konnte sie sein Gesicht sehen.

Leseprobe

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